Der industrienormkonforme Retortenbewerber
Jan am 28. April 2009 um 18:46
Die letzte Phase der Industrialisierung hat die economies of scale auch auf die Spezies des Jobsuchenden übertragen: die effiziente Massenproduktion liefert uns den Bewerber aus der Retorte. Dieser trägt vielleicht immer Anzug, benutzt häufig englische Schlagworte oder spricht gern über Aktienkurse; vor allem zeichnet ihn aber eines aus: beim Bewerben hält er sich an die Regeln. Regeln, die von Personalverantwortlichen, HRlern, Beratern und Universitäten aufgestellt worden sind, um das Personalselektionssystem zu organisieren. Nicht nur erledigt er Anschreiben, Foto und Lebenslauf industrienormkonform, er lebt sogar ca. ab dem vierten Lebensjahr nach dem optimalen CV!
Ermöglicht eine regelkonforme Standardbewerbungsmappe es mir wirklich, mich dem Arbeitgeber so darzustellen, dass er beurteilen kann, ob ich in die Unternehmenskultur passe?
Das soll heißen, wenn die Arbeitgeber ihre Filter so justieren, dass nur Retortenbewerber durchrutschen, dürfen sie sich nicht wundern, wenn sie am Ende des Tages nur Retortenarbeitnehmer haben.
Eine schlichte Unternehmenskultur, fehlende Kreativität und keine neuen Ideen; so sieht es dann im Alltag aus.
Aber natürlich gibt es da draußen lauter Individuen, die mal ein Semester gar nix vorangebracht haben, weil mit dem Partner Schluss war. Die Erasmus in Valencia gemacht haben wegen des Klimas und der Parties. Die nach dem Examen erstmal 3 Monate durch Australien gereist sind. Die im 3. Semester noch nicht wussten, wer McKinsey ist, wie man den Deckungsbeitrag berechnet oder was USP bedeutet.
Würden Sie die einstellen?
Vielleicht haben sie im “verlorenen” Semester Philosophiebücher gelesen und können die Unternehmenswerte mit neuem Leben füllen. Eventuell haben sie in Valencia auf den vielen Parties Leute aus aller Welt (auch solche unverbesserlichen Individuen) kennen gelernt,
die nun in anderen Ländern arbeiten und so wertvolle Kontakte darstellen. Möglicherweise haben sie in Australien sehr genau die Dienstleistungskultur beobachtet, Unterschiede in der Werbung entdeckt und Ideen entwickelt, wie man die Down-Under-Mischung aus Gelassenheit und Effizienz auch in Europa umsetzen könnte.
McKinsey kennen sie jetzt, das mit dem Deckungsbeitrag ist leicht. Und ihre Unique Selling Proposition, denken sie, ist doch genau ihre eigene, einzigartige Biografie.
Die würden wir einstellen.